Die vermeidbare Krise

die Umweltkatastrophe der deutschen Fleischindustrie

Als Produzent aus dem Chaco, der in dieser Region geboren und aufgewachsen ist, ist Soja für mich kein Lebensmittel. Für mich ist es eine Krankheit. Gesunde Lebensmittel stammen aus der Zeit meines Vaters, das sind Süßkartoffeln, Yucca, Kürbisse… Soja ist für das große Geschäft, damit haben wir nichts zu tun.

Sie kamen hierher und haben uns im Chaco mit ihrem Soja krank gemacht. Und nicht nur hier, sondern meiner Meinung nach ganz Argentinien... Sie kommen, säen, vergiften, ernten und gehen wieder... Für mich ist Soja zu nichts nütze, nicht einmal als Tiernahrung. Es macht die Tiere krank… die Hennen legen keine Eier mehr, das Fleisch schmeckt furchtbar. Soja ist nicht wie der Mais, den wir in unserem Chaco säen...

Die Flugzeuge [die Herbizide versprühen] kamen um 6:00 Uhr morgens. Sie haben das Wasser, den Wassertank und die Quelle vergiftet. Wir haben davon getrunken und die Tiere ebenfalls. Und nun sind wir krank, meine Tiere und ich. Sie haben uns krank gemacht.
- Catalina Cendra, Bauer aus Chaco, Argentinien

Jüngste großflächige Rodungen. Foto: Jim Wickens, Ecostorm

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Nachhaltigkeit, Heimische Erzeugung und Bioqualität: Das sind die wesentlichen Dinge, auf die deutsche Verbraucher achten, wenn sie Fleisch kaufen. Marketingtrends bei Lebensmitteln zeigen eine gestiegene Nachfrage nach gesunden und nachhaltigen Produkten in Bioqualität. Deutsche sind international für ihr Engagement für die Umwelt und die Bekämpfung des Klimawandels bekannt. Aber trotz dieses öffentlichen Anliegens blüht in Deutschland immer noch ein Gewerbe, das die Fahrlässigkeit vergangener Zeiten hinsichtlich Umweltverschmutzung und -zerstörung verkörpert: die deutsche Fleischindustrie. Seit 1950 hat sich der Fleischkonsum in Deutschland verdoppelt und liegt im Durchschnitt jährlich pro Kopf bei 56 kg Schweinefleisch, 19 kg Geflügel, 13 kg Rindfleisch und 1 kg Lamm- und Hammelfleisch.

Die Fleischindustrie baut bei der Aufzucht auf enorme Mengen von Soja als Tiernahrung: Rund 75 % des Sojaanbaus weltweit wird zu Tiernahrung verarbeitet. Über eine Million Quadratkilometer Land sind dem Anbau von Soja vorbehalten - ein Gebiet, das dreimal so groß ist wie Deutschland.

Der Sojaanbau breitet sich entlang der gesamten lateinamerikanischen Anbaufläche aus; einem weltweiten Abholzungs-Hotspot. Große Unternehmen wie die US-amerikanischen Agrarkonzerne Cargill und Bunge treiben die Zerstörung uralter heimischer Ökosysteme mit deren Wildtier-Lebensräumen voran, um den Weg für industrielle Sojamonokulturen frei zu machen.

Deutschland ist ein zentraler Markt für dieses Soja. Mit seinen fast 82 Millionen Verbraucherinnen und Verbrauchern ist Deutschland der größte Nahrungsmittelmarkt in Europa, und dieser Industriezweig ist insgesamt der drittgrößte Deutschlands. Auf dem Lebensmittelmarkt gehört die Produktion von Fleisch- und Milcherzeugnissen zur lukrativsten Branche in Deutschland; dabei sind es nicht die Landwirte, die die größten Profite auf diesem Sektor erzielen. Der deutsche Lebensmittelmarkt hängt stark von Importen ab, und Deutschland gehört zu den größten Lebensmittelimportländern weltweit. Dazu gehören auch enorme Mengen an Soja, mit dem die Nutztierherden gefüttert werden: 6,3 Millionen Tonnen im Jahr 2016 , wobei der größte Teil aus Lateinamerika stammt. Das Land, das benötigt wird, um allein die deutschen Importe von Sojabohnen anzubauen, entspricht der Größe von Mecklenburg-Vorpommern, nämlich ca. 2,6 Millionen Hektar. Die Art und Weise wie diese Sojabohnen angebaut werden, ist ausschlaggebend für die Auswirkungen, die das in Deutschland konsumierte Fleisch auf die Umwelt hat.

Deutsche Supermarktketten wie Edeka, Lidl, Kaufland, Aldi, Rewe und Metro, deren Eigentümer zusammen 70 % des Einzelhandelsmarktes kontrollieren , wissen, dass viele Verbraucher über die überdimensionalen ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen des Fleischkonsums besorgt sind. Infolgedessen vermarkten sie häufig Wurst, Schnitzel und Hamburger als nachhaltig und aus heimischer Erzeugung. Während die von ihnen verkauften Hühner, Schweine und Rinder normalerweise in Deutschland aufgezogen werden, wird die Nahrung für die Nutztiere häufig über Tausende von Kilometern herangeschafft, und hat so viel größere Auswirkungen auf die Umwelt. Und somit entspricht das Etikett „aus Deutschland“ nur der halben Wahrheit.

Brandfläche und Waldgrenze, Argentinien. Foto: Jim Wickens, Ecostorm

Um den tatsächlichen Auswirkungen des deutschen Fleischkonsums nachzugehen, haben wir ein Ermittlungsteam zu denTausende Kilometer entfernte Agrarflächen Südamerikas geschickt. Hier beginnt die Geschichte Ihrer Wurst. Wir haben dokumentiert, wie das für deutsches Tierfutter angebaute Soja die Abholzung in den beiden führenden Sojaanbauländern in Südamerika – Argentinien und Paraguay – vorantreibt. Das Ergebnis deckt sich mit unserer früheren Studie über die großangelegte Abholzung für den Sojaanbau in den Cerrados in Brasilien und im Amazonasbecken in Bolivien. Zusammengenommen halten diese vier Länder den größten Anteil an der lateinamerikanischen Sojaproduktion.

In der aktuellen Untersuchung besuchte unser Team Sojaplantagen auf 4 200 Kilometern im Ökosystem des Gran Chaco in Argentinien und Paraguay und dokumentierte die umfangreiche Zerstörung des natürlichen Ökosystems, wobei auch Beweise zu illegalen Abholzungstätigkeiten erbracht wurden.

Das Video- und Bildmaterial zeigt aus erster Hand, dass für deutsches Fleisch Wälder abgeholzt werden. Wir haben auch Mitglieder der lokalen Gemeinschaften befragt, um etwas über die gesundheitlichen Auswirkungen und sozialen Konflikte im Zusammenhang mit den riesigen Monokulturen zu erfahren. Anschließend haben wir den Weg des Sojas von den Produktionsstätten in die Häfen nachverfolgt, von denen aus internationale Händler es um die Welt schicken, darunter durchschnittlich 3,7 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojamehl pro Jahr von Südamerika nach Deutschland.

Das eigentlich Tragische an der von uns dokumentierten Zerstörung ist, dass sie sich vollkommen vermeiden ließe. Obwohl die Fleischproduktion von jeher ressourcenintensiv ist, müssen dafür keine nativen Ökosysteme zerstört werden. Es gibt über 650 Millionen Hektar bereits gerodetes Land allein in Lateinamerika , auf welchem Soja angebaut und Vieh gezüchtet werden kann, ohne die nativen Ökosysteme zu bedrohen. Auch wenn nicht alle dieser degradierten Flächen der Lebensmittelbewirtschaftung zur Verfügung stehen, so würde bereits ein kleiner Prozentsatz davon für die prognostizierte Sojabohnenexpansion auf Jahre hinaus ausreichen und einen durchschnittlichen Gewinn von 1.140 USD/Hektar ermöglichen. Experten, die es mit einem erfolgreichen System geschafft haben, die Abholzung für Soja im brasilianischen Amazonasgebiet nahezu vollständig zu unterbinden, schätzen, dass das Ausweiten der Waldüberwachung auf andere Soja produzierende Regionen Lateinamerikas – einschließlich des Gran Chaco – nur 750.000 USD bis 1.000.000 USD kosten würde. Das ist gerade mal ein Siebzigtausendstel des Jahresgewinns dieser Unternehmen. Sobald das System steht und läuft, würden sich die jährlichen Kosten wahrscheinlich halbieren.

Bis jetzt haben sich die Soja-Unternehmen wie Cargill, Bunge und ADM durch Untätigkeit hervorgetan und diese Gelegenheit nicht ergriffen. Die Tatsache, dass eine Reduzierung der Abholzung erschwinglich und technisch machbar ist, bedeutet jedoch, dass deutsche Unternehmen ihre gewichtige Machtposition gegenüber der Sojaindustrie einsetzen können, um eine sofortige Einstellung der Abholzung in nativen Ökosystemen für Fleisch und dessen Ernährung zu verlangen.

Bulldozer in Aktion, Paraguay. Foto: Jim Wickens, Ecostorm

Der Gran Chaco – ein „undurchdringlicher“ Wald

Foto: Yawar Motion Films

In allen von uns besichtigten Gebieten haben wir große Landwirtschaftsunternehmen dokumentiert, die sich mit Bulldozern und Feuer durch Tausende von Hektar des außergewöhnlichen Ökosystems des Gran Chaco fraßen, einer 110 Millionen Hektar großen Region in Argentinien, Bolivien und Paraguay. Die trockenen Wälder des Chaco sind eine der größten, noch verbliebenen, zusammenhängenden Züge nativer Vegetation in Südamerika, größenmäßig nur vom großen Amazonas-Regenwald übertroffen.
Die Wälder des Gran Chaco sind die Heimat lebendiger Gemeinschaften von Ureinwohnern wie den Ayoreo, Chamacoco, Enxet, Guarayo, Maka'a, Manjuy, Mocoví, Nandeva, Nivakle, Toba Qom und Wichi. Viele von ihnen sind immer noch Jäger und Sammler und sind vollständig vom Wald abhängig. Eine der anfälligsten Gruppen ist das indigene Volk der Ayoreo, zu denen teilweise immer noch kein Kontakt besteht. Sie benötigen den Chaco-Wald zum Überleben und sind besonders verletzlich, da Kontaktaufnahmen von außen meistens gewalttätig verlaufen.

Der Gran Chaco beherbergt eine große Biodiversität und ist die Heimat vieler nur hier lebender Arten. Einst war er die uneinnehmbare Hochburg nahezu magisch anmutender Kreaturen, wie dem Kleinen Borstengürteltier, dem berühmten Jaguar und dem großen Ameisenbär.
Aber amerikanische Sojaunternehmen wie Cargill und Bunge sind in diese Lebensräume eingedrungen und haben diese niedergewalzt und -gebrannt, um den Weg für riesige Felder von gentechnisch verändertem Soja freizumachen. Dabei ist das raue Klima des Chaco von Natur aus gar nicht geeignet für groß angelegte Monokulturen. Infolgedessen benötigt das hier angebaute, gentechnisch veränderte Soja enorme Mengen an chemischem Dünger und giftigen Pestiziden, wie dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Auch diese verändern den Chaco. Wasserläufe werden verunreinigt und Mitglieder lokaler Gemeinden berichten über einen Anstieg von Geburtsdefekten, Krebs und Atemwegserkrankungen. Selbst ihre Haus- und Nutztiere haben mit diesen Auswirkungen zu kämpfen – viele Familien haben berichtet, dass ihre Tiere aufgrund der Herbizidbelastung starben.
In den letzten zwei Jahrzehnten erfuhren die Wälder des Chacos eine der weltweit höchsten Umwandlungsraten in Agrarland; vorrangig für den Anbau von Soja und für die Viehwirtschaft. Tatsächlich gehen die Wälder des Chaco genauso schnell oder gar schneller verloren als die Regenwälder – sogar im Vergleich zum Amazonas. Über acht Millionen Hektar des Chaco wurden in nur zwölf Jahren gerodet. Die mit der Umwandlung des Chaco-Waldes und des Grünlandes in Ackerfläche und Weideland einhergehenden Gesamtemissionen werden auf 3 024 Millionen Tonnen Kohlendioxid zwischen 1985 und 2013 geschätzt – mehr als das Vierfache von Deutschlands Kohlendioxidemissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger im Jahr 2015.

Dieser Trend hat sich beschleunigt. Allein Argentinien hat 22 Prozent seiner Wälder zwischen 1990 und 2015 verloren, hauptsächlich zur Errichtung von Sojafarmen. Die Abholzung konzentriert sich hauptsächlich auf den nördlichen Teil des Chaco in den Provinzen Santiago del Estero, Salta, Formosa und Chaco, die zusammen 80 % der gesamten Entwaldung tragen. Argentinien erließ im Jahr 2009 ein Waldschutzgesetz, demzufolge mindestens 0,3 Prozent des gesamten nationalen Budgets für die Durchsetzung des Waldschutzgesetzes zur Verfügung gestellt werden müssen. Die Mittel, die der argentinische Kongress im Jahr 2016 für den Waldschutz zuwies, lagen jedoch um das 23-Fache niedriger als benötigt.

In den letzten Jahren stand Paraguay häufig ganz oben auf der Liste der Länder mit der höchsten Abholzungsrate weltweit. Im Jahr 2017 erließ Präsident Horacio Cartes eine (von vielen als illegal kritisierte) Verordnung, die es Landeigentümern erlaubt, sämtliche Wälder auf ihren Grundstücken abzuholzen, wodurch sich die Entwaldungsrate im Chaco drastisch erhöhte.

Schlechte Regierungsführung in Verbindung mit einer umfangreichen Expansion von Soja verursacht Abholzungstätigkeiten, die nach Expertenmeinung „das Gleichgewicht zwischen Mensch, Tier und Umwelt" bedrohen. Eine jüngste Studie der Humboldt-Universität schätzt, dass über die Hälfte aller Vögel und 30 Prozent aller heute im Chaco lebenden Säugetiere in den nächsten 10 bis 25 Jahren ausgerottet sein werden, wenn keine rigorosen Schutzmaßnahmen umgesetzt werden.

Auch andere Ökosysteme waren Leidtragende dieser unnötigen Abholzung. Landwirtschaftliche Interessen haben zur Rodung von schätzungsweise 98 % der Mata Atlântica in Paraguay geführt. Das Null-Entwaldungs-Gesetz aus dem Jahr 2004 verbietet bis 2018 Abholzungen im östlichen Teil von Paraguay sowie die Umwandlung von Wäldern in landwirtschaftlich genutzte Flächen oder Flächen für die Nutztierproduktion. Ohne Sanktionen oder Folgen für illegale Rodungen sehen sich die Abholzer jedoch nur wenigen Hindernissen bei der Umwandlung wertvollen Waldes in Sojafelder gegenüber.

Die „German Connection“

Die von uns hier dokumentiere Abholzung ist das Ergebnis einer langen Lieferkette, die in Lateinamerika beginnt und sich bis in die Supermärkte, Privatwohnungen und Restaurants in Deutschland und darüber hinaus fortsetzt. Per Satelliten-Kartierung haben wir die aktuellen Brennpunkte bei der Abholzung von Soja im Chaco bestimmt und unser Untersuchungsteam an 20 Standorte entsendet.

An diesen Orten fanden wir Zeichen jüngster Abholzungsarbeiten, einschließlich Anzeichen illegaler Abholzung. Wir sprachen auf allen Farmen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (die vollständigen Fallstudien finden Sie hier) und fanden heraus, dass fast das gesamte Soja von den abgeholzten Flächen über den Hafen von Rosario und benachbarte Häfen exportiert wird. Wegen der relativen Abgeschiedenheit der Chaco-Region verkaufen die Farmer das meiste Soja an Transportunternehmen, die das Soja zu diesen Häfen bringen, wo die Händler der wichtigsten Agrarunternehmen ihre Silos und Hafenanlagen unterhalten. Die Transportinfrastruktur in der Region ist jedoch dabei, sich zu verbessern: Als Teil ihrer Infrastrukturinitiative „Plan Belgrano“ erneuert die argentinische Regierung die wichtigsten Eisenbahnlinien in den Provinzen Salta und Jujuy, um den Transport des Sojas von der Waldgrenze im Chaco zu den Häfen zu beschleunigen. Auf die Sojaindustrie im Chaco wirkt diese neue Infrastruktur wie massive, effiziente Subventionen. Von daher wird diese Eisenbahn wahrscheinlich die Abholzung erheblich beschleunigen, wenn nicht sofort Naturschutzmaßnahmen vom Privatsektor und der Regierung ergriffen werden.

Die Landwirte erzählten uns, dass ihr Soja an die wichtigsten Händler verkauft wird und nannten Cargill und Bunge als Hauptkunden. Die meisten der Landeigentümer waren nicht an den Standorten zugegen, und wir erfuhren, dass der Großteil dieser Farmen im Besitz von in Buenos Aires ansässigen Gesellschaften oder großen ausländischen Konzernen sind. Interessanterweise kommt nahezu das gesamte direkt von Argentinien aus nach Deutschland importierte Soja von jenen Häfen , bei denen mit großer Wahrscheinlichkeit Soja aus Abholzungen zu finden ist, da hier Soja verschifft wird, das an der Grenze des Chaco angebaut wird. Soja aus Lateinamerika gelangt auch über den niederländischen Hafen Rotterdam, den größten Hafen Europas, nach Deutschland; dieses Soja kommt den Aufzeichnungen zufolge aus Regionen, in denen ein hohes Abholzungsrisiko besteht.

Europa importierte im Jahr 2016 rund 27,8 Millionen Tonnen Soja aus Lateinamerika. Deutschland gehört, neben den Niederlanden, Frankreich und Spanien, zu den größten Importeuren des lateinamerikanischen Sojas in Europa. Sobald das Soja in Deutschland ist, wird es entweder von Tierfutter- oder Fleischproduzenten gekauft und dann zur Aufzucht von Nutztieren verwendet. Von dort aus gelangt es in Supermärkte und Restaurants und wird dort von Verbrauchern gekauft.

Die geheimen Mittelmänner der deutschen Fleischindustrie

Der weltweite Agrarhandel wird von einer kleinen Gruppe von Unternehmen – ADM, Bunge, Cargill, Louis Dreyfus und Wilmar – dominiert. Diese Unternehmen kontrollieren gemeinsam den überwiegenden Teil des weltweiten Getreidehandels , und zwar nach einigen Schätzungen bis zu 90 %. Zusätzlich zu ihrer Rolle im Handel spielen diese Unternehmen auch eine direkte Rolle beim Vorantreiben der Umwandlung von Ökosystemen, indem sie den Plantagenbesitzern finanzielle Hilfe, Düngemittel, Infrastruktur und andere Anreize für weitere Abholzungen anbieten, um ihre Lieferbasis auszuweiten. Dabei hätten diese Unternehmen aufgrund ihrer überdimensionalen Bedeutung die Macht, darauf zu bestehen, dass die Lieferanten einheimische Ökosysteme und Landrechte schützen. Aber bis jetzt haben diese Unternehmen dem Naturschutz – wenngleich einfach zu erreichen – eine rücksichtslose Expansion vorgezogen.

In den Regionen, die wir für diese Untersuchung besucht haben, fanden wir signifikante Verbindungen mit zwei wichtigen Händlern: Cargill und Bunge. An verschiedenen Orten, an denen Abholzung erfolgte, haben die Farmer, mit denen wir gesprochen haben, uns erzählt, dass sie an diese beiden Händler verkaufen. Bunge betreibt ein großes Silo in der argentinischen Chaco-Provinz und Cargill verfügt über zwei Silos in der Nähe. In der Region der Mata Atlântica in Paraguay betreiben Cargill und Bunge Silos im Departamento San Pedro und im Departamento Canindeyú.

Als Reaktion auf unsere Untersuchungen erklärte man bei Bunge, man habe keinerlei Aufzeichnungen über Ankäufe bei den in unserer Untersuchung hervorgehobenen Landwirten. Bei Cargill antwortete man, es sei unwahrscheinlich, dass ihre Silos von den von uns besuchten Orten beliefert werden, weil ihre Verarbeitungsanlagen nicht in der Nähe dieser Standorte lägen. Das meiste Soja aus dieser Region wird jedoch zu den Häfen von Rosarion transportiert, da in der Grenzregion nur geringfügig Lagerinfrastruktur vorhanden ist. Auf die Frage nach der Rückverfolgbarkeit gaben weder Cargill noch Bunge Antworten, die entnehmen lassen, dass diese Unternehmen über vollständige Informationen über die Standorte und die Herkunft des Sojas in ihrer Lieferkette verfügen.

Es gibt keine gesetzlichen Anforderungen darüber, dass die Firmen die geografische Herkunft der Sojabohnen dokumentieren oder einen Nachweis erbringen müssen, dass es legal produziert wurde. Von daher ist es für deutsche Unternehmen, die von diesen Händlern beliefert werden, zurzeit unmöglich sicherzustellen, dass das von ihnen gekaufte Soja nicht in Verbindung mit Abholzung hergestellt wurde. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass beide Unternehmen sich öffentlich zu „Null-Entwaldung“ in ihren Lieferketten verpflichtet haben. Die Kenntnis darüber, wo und wie ihre Produkte hergestellt wurden, ist der erste Schritt zur Sicherstellung der Einhaltung dieser Verpflichtung.

Diese Probleme gehen weit über den Gran Chaco hinaus. Bereits zu einem früheren Zeitpunkt belegten wir, dass im brasilianischen Cerrado 567 562 Hektar Entwaldung auf das Konto von Bunge und 130 000 Hektar auf das von Cargill gehen; eine weitere extensive Entwaldung im bolivianischen Amazonasgebiet wird mit Cargill in Verbindung gebracht. Unter den großen Händlern sind Cargill und Bunge die treibenden Kräfte hinter der Abholzung für den Sojaanbau in ganz Lateinamerika. Diese Händler gehören zu den größten Exporteuren von Soja aus Südamerika nach Europa.

ADM arbeitet in Regionen, in denen es seltener zu Abholzungen kommt, hat sich aber erst kürzlich von der früheren Unterstützung für branchenweite Naturschutzmaßnahmen zurückgezogen. ADM hat unserem Team gegenüber erklärt, dass man sich gegen Maßnahmen entschieden habe, um gegenüber Wettbewerbern nicht „aus der Reihe zu tanzen“ – und zieht somit Branchensolidarität der Umwelt und fairem Marktwettbewerb vor. Der kleinere Konzern Louis Dreyfus unterstützt den Naturschutz wesentlich mehr.

Einer der Gründe, warum die Strategien und Maßnahmen dieser Unternehmen so wichtig sind, ist, dass sie in einem häufig gesetzlich unreglementierten Umfeld tätig sind. In Argentinien haben Greenpeace und andere Organisationen enthüllt, dass von der Provinzregierung Salta ausgestellte Lizenzen die Abholzung von fast 150 000 Hektar geschützten Waldes erlaubten, wodurch nationales Recht verletzt wurde. In vielen Fällen haben die Soja-Landwirtschaftsunternehmen illegal und ungestraft Land gerodet. Sie hätten aber wesentlich weniger Anreize, so zu handeln, wenn deutsche Fleischunternehmen wie die von Edeka, Lidl und Aldi gar nicht erst bereit wären, Soja von entwaldeten Flächen zu kaufen.

Bestehende Verpflichtungen

Unternehmen in jeder Phase der Lieferkette haben „Null-Entwaldungs-Strategien“. Nachstehend können Sie nachlesen, auf welche Weise sie sich verpflichten, Abholzung in ihren Lieferketten zu unterbinden. Trotz des „grünen“ Rufs und obwohl sie mit ihren Null-Entwaldungs-Strategien werben, setzen nur wenige Unternehmen tatsächlich Maßnahmenpläne und entsprechende Veränderungen in ihrer kompletten Lieferkette um. Es ist natürlich ein positiver Schritt, dass Unternehmen öffentlich ihren Wunsch zum Ausdruck gebracht haben, die Abholzung zu unterbinden. Damit diese Strategien aber tatsächlich auch wirken, müssen sie aber auch vor Ort umgesetzt und nicht nur zu Papier gebracht werden.

Obwohl beispielsweise Cargill und Bunge sich öffentlich verpflichten, Abholzung aus ihren Lieferketten auszuschließen, stehen Entwaldungsaktionen weiterhin in Verbindung mit ihren Lieferketten und sie haben bereitwillige Abnehmer in den deutschen Supermärkten und Fastfood-Restaurants gefunden. Ohne Einrichtung eines Systems, das die volle Rückverfolgbarkeit und Transparenz sicherstellt, stehen diese Unternehmen mit ihrem öffentlichen Bekenntnis zum Stopp der Entwaldung in der Öffentlichkeit scheinbar gut da, obwohl sie vor den Auswirkungen ihrer Handlungen die Augen verschließen.

Brand neben einem Sojafeld. Foto: Jim Wickens, Ecostorm

Antworten der Unternehmen

Wir haben uns in jedem Stadium der Lieferkette – vom Tierfutterverarbeiter, der das Soja direkt bei den Händlern kauft, über Schweine- und Geflügelzüchter, die Nutztiere aufziehen, bis hin zu Supermärkten, die dieses Fleisch an die Verbraucher verkaufen – mit den deutschen Top-Unternehmen in Verbindung gesetzt. Wir haben Nachforschungen über die Identität ihrer Fleisch- und Tierfutterlieferanten angestellt, und überprüft ob das Soja, das sie kaufen, verantwortlich produziert wird. Die Ergebnisse werden in der nachfolgenden Grafik zusammengefasst. Obwohl viele Unternehmen angeben, über Strategien zur Sicherstellung der Nachhaltigkeit bei ihrer Sojabeschaffung zu verfügen, gab fast keines der von uns untersuchten Unternehmen an zu wissen, woher das Soja in ihren Lieferketten stammt.

Auswirkung auf den Menschen

Die Familie Abelino Garcia, Paraguay. Foto: Jim Wickens, Ecostorm

Unsere Untersuchungen zeigten, dass die von der Sojaindustrie verursachte Zerstörung nicht nur die Umwelt betrifft, sondern auch beträchtliche Folgen für den Menschen hat. Die meisten Sojafarmen in den abgeholzten Regionen machen starken Gebrauch vom Pflanzenschutzmittel Glyphosat (von Monsanto unter dem Namen Roundup vermarktet). Die Weltbank berichtet, dass die Verwendung von Agrarchemikalien in Argentinien in den letzten 20 Jahren um 1 000 % gestiegen ist. Dies ist der Verlagerung zu gentechnisch verändertem Soja geschuldet, welches gegen Glyphosat resistent ist, so dass sogar noch größere Mengen versprüht werden können. Die Weltgesundheitsorganisation hat Glyphosat als vermutlich krebserregend eingestuft, wenngleich Monsanto die Sicherheit seines Produkts verteidigt. Nach eigenen unabhängigen Studien hat die französische Regierung vor kurzem ihre Absicht erklärt, Glyphosat zu verbieten, sobald Alternativen gefunden wurden, spätestens aber innerhalb von drei Jahren. Durchschnittlich werden 19 Prozent der Todesfälle in Argentinien durch Krebs verursacht; in den Soja-Anbaugebieten jedoch ist Krebs in über 30 Prozent aller Todesfälle die Ursache, was zu Besorgnis darüber führt, wie der weitverbreitete Einsatz von Pestiziden und Chemikalien im Chaco und an anderen Orten die Gesundheit der Bevölkerung beeinträchtigt.

Unsere Forscher sprachen mit einer Familie von Campesinos, die ein verstörendes Zeugnis über die praktischen Auswirkungen dieses Pflanzenschutzmittels für Soja abgelegt hat. Die Familie lebt in einem ländlichen Gebiet ca. 100 Kilometer von Resistencia, der Hauptstadt der Provinz Chaco, entfernt. Ihr Nachbar hat Glyphosat eingesetzt, um ein ganzes Feld von der heimischen Vegetation zu „befreien“. Während des Ausbringens des Pflanzenschutzmittels begann es jedoch zu regnen und das abfließende Wasser verunreinigte ihr Land und das Wasserloch für ihre Tiere. Sie berichteten, dass 140 Hühner, Ziegen und Kühe gestorben seien und somit das Überleben der Familie gefährdet ist.

„Die toten Tiere waren nicht einmal das Schlimmste“, erzählte uns ein Familienmitglied. „Wir haben noch mehr gelitten. Die meisten Kinder wurden krank. Alle. Ich habe einen Sohn, er ist neunzehn… ein Kind ist fünfzehn, ein dreijähriges Mädchen und einen einjährigen Jungen. Der Jüngste war am stärksten betroffen.“ Sie litten unter „Hautausschlägen, Magenproblemen und Blutarmut“, so das Familienmitglied weiter. „Das führte dazu, dass unsere Kinder ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten.“ Er kannte zwei weitere Familien in der Nachbarschaft, die ähnliche Probleme hatten; die eine verlor über 30 Hunde und die andere verlor sämtliche Tiere und zudem wurde ihre Tochter mit Behinderungen geboren.

Als ob der Schaden nicht groß genug wäre, traute sich außerdem keine der betroffenen Familien, darüber zu sprechen, weil sie Angst vor Vergeltungsschlägen hatten. Die von uns befragte Familie erklärte, dass man ihnen gesagt hatte, dass der Gemeinderat ihre kleine Firma – ihre einzige Einnahmequelle, nachdem ihre Tiere tot waren – schließen würde, wenn sie etwas sagen würden. „Der Vertreter [des Gemeinderates] sagte, wenn wir weiterhin darauf bestehen, dass es ein Gift ist, und sie sagen, dass es keines ist, ist es möglich, dass sie kommen und meine Werkstatt schließen“, erklärte das Familienmitglied. „Das ist nicht nur eine Werkstatt, ein Sägewerk, das ist eine Industrie, eine Fabrik... Sie würden das Geschäft schließen.“ Wegen ihrer Angst vor Repressalien baten alle Familien der Opfer um Anonymität.

In Avia Terai, dem Standort von Bunges größtem Silo in dieser Region, interviewten die Ermittler Silvia Achaval. Sie ist die Mutter von Camila, einem sechsjährigen Mädchen, das Glück hat, dass es noch am Leben ist. Das Haus der Familie steht sehr nah an einem Ort, an dem Sojafelder von einem Unternehmen aus der Luft mit Pestiziden besprüht werden. Die Flugzeuge „flogen, als ich schwanger war“, erzählte uns Silvia. Camila wurde mit schweren Geburtsfehlern geboren. Sie wurde schnell ins Krankenhaus gebracht. „Bei ihr saß nichts am richtigen Platz“, sagte Silvia. „Sie mussten ihr Herz verschieben, ihre Lungen… Sie sagten mir, sie wurde einer komplizierten Operation unterzogen… und dass sie wegen des Giftes so geboren wurde. Die Ärzte gaben ihr keine Überlebenschance. Doch Gott sei Dank hat sie überlebt.“

[Politiker und Unternehmen] sorgen sich nur ums Geld“, sagte Silvia. „Sie scheren sich nicht darum, ob Menschen krank werden, ob Kinder gesund geboren werden. Leider geht es nur ums Geld. Und die Präsidenten und Bürgermeister müssen aufstehen und sagen: Genug! Keine Vergiftungen mehr.“

Camilas Arzt vermutete, dass ihre Gesundheitsprobleme durch eine Pestizidkontamination hervorgerufen wurden – insbesondere durch Glyphosat, das, wie man in einigen Studien herausgefunden hatte, eng mit fetalen Missbildungen in Verbindung steht, und das beim Sprühen aus der Luft verwendet wurde. Es gibt auch Verdachtsmomente auf eine zweite Kontaminationsquelle: ein Saatgut-Unternehmen namens Agros Soluciones, das Monsanto gehört. Ortsansässige berichten, dass das Unternehmen Giftmüll hinterlässt, der die Luft außerhalb seiner Einrichtungen kontaminiert. Und Camila ist nicht allein. „Es gibt immer mehr Kinder mit vielen Problemen“, sagte Silvia. „Kinder ohne Hände oder Beine, sie können nicht sprechen. Dieses Soja enthält eine Menge Gift. Wir müssen es stoppen.“ Genau daran arbeiten Camila und ihre Nachbarn. Nach Protesten hat das Sprühunternehmen aufgehört, Flugzeuge über ihr Dorf fliegen zu lassen. Aber viele Anwohner haben Angst zu reden, weil sie die Macht der Sojaindustrie fürchten.

Menschenrechtsverletzungen und Gewalt gegen indigene Gemeinschaften

Die indigene Gemeinschaft der Y’apó lebt nahe der brasilianischen Grenze in der Stadt Corpus Christi in Paraguay. Laut Zeugnissen und Fotos aus einer Untersuchung der paraguayischen Zeitung E’a wurde die Gemeinschaft 2014 von 50 bewaffneten Sicherheitskräften überfallen, die von einer benachbarten Farm angeheuert worden waren; die Farm gehörte der Gruppe „La Americana“. Diese Farm hat 1 000 Hektar des Indianergebiets entwaldet – und seitdem klagt das Unternehmen die Y’apó immer wieder an, ihr eigenes Land widerrechtlich zu betreten.

Laut der Untersuchung der Zeitung – untermauert von Zeugenaussagen der Gemeinschaft, die von unserem Team vor Ort aufgenommen wurden - schlugen die bewaffneten Sicherheitskräfte Türen ein und drangen in Häuser ein, griffen Erwachsene und Kinder an und traten schwangere Frauen – von denen einige ihre Babys verloren. Zweiunddreißig Mitglieder der Gemeinschaft wurden verletzt. Drei Sicherheitskräfte und sieben Ureinwohner wurden von Schüssen getroffen. Eine Sicherheitskraft wurde getötet. Die Opfer berichteten, dass die Anwohner durch den Angriff gezwungen werden sollten, die Region zu verlassen.

Unsere Ermittler sprachen mit dem Anführer der Gemeinschaft, Abelino Garcia. Er erzählte uns, dass die Farm sie weiterhin des Hausfriedensbruchs beschuldige und dass seine Leute in ständiger Angst lebten, dass die privaten Sicherheitskräfte zurückkommen und sie zwingen, das Gebiet zu verlassen – oder Schlimmeres. Er sagte auch, dass ihre Flüsse so von den Pestiziden verunreinigt seien, dass Fische – eine wichtige Nahrungsquelle – sterben. Und da die Gemeinschaft nun von Sojafeldern umgeben ist, seien die Möglichkeiten zum traditionellen Jagen fast verschwunden. Die Einführung von Soja habe auch Konflikte innerhalb der Gemeinschaft ausgelöst, und zwar zwischen denen, die das ihnen gehörende Land schützen wollen, und denen, die es an die Sojaunternehmen verkauft haben. Die Einführung von Soja im großen Stil habe ihre lokale Kultur gefährdet.

Ramón Lopez , Anführer der indigenen Gemeinschaften der gesamten Region, erzählte uns, dass viele andere Gemeinschaften umgesiedelt worden seien, nachdem die Abholzung ihren traditionellen Lebensstil zerstört habe. Einigen habe man nicht einmal Holz gegeben, um Häuser zu bauen. Jetzt sei für viele Menschen die einzige Überlebensmöglichkeit, ihr Land an die Sojafarmer zu verpachten. Noch erschreckender ist seine Aussage, es gebe nicht viel Hoffnung, dass die indigenen Gemeinschaften noch viel länger überleben werden.

Die Einheimische Candida Benitez lebt auf einer Mülldeponie in Paraguay. Foto: Jim Wickens, Ecostorm

Leben auf Mülldeponien

Unsere Ermittler sprachen mit Candida Ferreira Benitez, einer Ureinwohnerin, die auf einer Mülldeponie in der Stadt Nueva Esperanza im Departamento Canindeyú in Paraguay lebt.

Sie lebte früher zusammen mit ihrem Stamm, den Arroyo Guazu, im Departamento Alto Paraná. Aber, so erzählte sie, nachdem der Wald gerodet worden sei, um Platz für die Sojafarmen zu machen, habe es keine Tiere mehr zu jagen, keine Früchte zu sammeln oder Holz zum Bau von Häusern gegeben. Infolgedessen konnten die Ureinwohner ihren Lebensunterhalt nur noch damit verdienen, dass sie ihr Land an die Sojafarmer verpachteten. Aber Candida, eine alleinerziehende Mutter, erhielt kein Geld für die Verpachtung und hatte keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dies steht im Widerspruch zum paraguayischen Recht , das die Verpachtung von Gebieten, die als Land der Ureinwohner eingestuft sind, an Dritte verbietet.

Candida war gezwungen, ihre Gemeinschaft zu verlassen und fand Arbeit auf der Mülldeponie. Schon wenig später folgten ihr zehn weitere Familien aus ihrer Gemeinschaft. Sie alle leben unter ungesunden Umständen in Armut. Candida vermisst ihr Zuhause und wünschte, sie könnte zurückkehren, aber wegen des Sojaanbaus gibt es keinen Wald mehr.

A Proven Alternative

Das Tragische an dieser Abholzung und der Menschenrechtsverletzungen liegt darin, dass sie völlig vermeidbar sind. Dieselben großen Sojaunternehmen, die die Abholzung an der Agrarfront vorantreiben, haben andernorts in Lateinamerika gezeigt, wie man die Landwirtschaft auch ohne Zerstörung einheimischer Ökosysteme ausweiten kann.

Vor über zehn Jahren stimmten auf Druck von Kunden in Deutschland und aus anderen Teilen Europas Cargill, Bunge, ADM, Louis Dreyfus und andere zu, keine Produkte mehr von Farmern zu kaufen, die an der Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet beteiligt waren. Innerhalb von drei Jahren sank die Abholzung für Soja von 30 % der Gesamtmenge auf gerade mal ein Prozent. Trotz des Entwaldungsstopps waren diese Unternehmen in der Lage, das Soja-Anbaugebiet im brasilianischen Amazonasgebiet um über zwei Millionen Hektar auszuweiten, wobei sie sich auf degradiertes Land konzentrierten – eine bemerkenswerte Win-Win-Situation sowohl für die Umwelt als auch für die Wirtschaft. Zusammen mit ähnlichen Fortschritten auf dem Rindersektor wird dieser Rückgang der Entwaldung im brasilianischen Amazonasgebiet als eine der weltweit größten Umwelterfolgsgeschichten betrachtet.

Trotz dieses Erfolgs trieben zwei der größten Sojaunternehmen der Welt – Bunge und Cargill – die Ausweitung auf neue, unberührte Agrarfronten außerhalb des brasilianischen Amazonasgebiets weiter voran, darunter im Gran Chaco in Argentinien und Paraguay, dem brasilianischen Cerrado und im bolivianischen Amazonasgebiet. Obwohl die Wettbewerber wie Louis Dreyfus Company und Wilmar International ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht haben, den brasilianischen Erfolg auch auf Südamerika zu übertragen, haben sich Cargill und Bunge vehement gegen alle Bemühungen gestellt, die abholzungsfreie Produktion auszuweiten.

Bewegung in der Branche

Zu ihren Gunsten muss gesagt werden, dass einige der weltweit größten Fleisch- und Milchprodukteanbieter zumindest begonnen haben, Maßnahmen zu fordern. 61 der weltweit führenden Fleisch- und Milchprodukteanbieter, darunter Metro AG, Lekkerland, Carrefour, Wal-Mart, McDonald’s und Unilever haben vor Kurzem einen Aufruf gestartet, die weitere Zerstörung der heimischen Vegetation im brasilianischen Cerrado zu beenden. Auch wenn dieses „Cerrado Manifesto“ ein ermutigender erster Schritt ist, besteht dennoch die Gefahr, dass sich die Regulierungsdefizite des ursprünglichen brasilianischen Soja-Moratoriums wiederholen. Denn das brasilianische Soja-Moratorium begrenzt Schutzmaßnahmen auf nur ein Ökosystem, den brasilianischen Amazonas, und liefert Unternehmen wie Bunge und Cargill damit perverse Anreize, ihre Entwaldung auf andere Ökosysteme zum Beispiel in Argentinien und Paraguay zu verlegen. Bunge und Cargill sind in ganz Südamerika tätig; um effizient zu sein, müssen Naturschutzmaßnahmen auf der gleichen Ebene greifen wie diese Riesenkonzerne.

Im Oktober letzten Jahres haben in ähnlicher Weise mehr als 30 deutsche Einzelhändler, Tiernahrungshersteller und Fleischverarbeiter sowie der Deutsche Bauernverband e. V. (DBV) in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eine Erklärung abgegeben, in der sie sich in einem gemeinsamen Positionspapier zu nachhaltiger Tierfütterung verpflichtet haben. Diese Unternehmen haben sich öffentlich zu nachhaltiger Fütterung verpflichtet und damit die Notwendigkeit anerkannt, sich mit dem Klimaaspekt von Soja in ihrer Tiernahrung zu befassen. Jedoch haben sie sich nicht zu einem gemeinsamen Standard verpflichtet und die unterzeichnenden Unternehmen müssen ihre eigenen Ziele in Bezug auf nachhaltige Tiernahrung entwickeln. Ohne ein zuverlässiges System auf der Grundlage vertrauenswürdiger Nachhaltigkeitsstandards, die wirklich nachhaltig angebautes Soja garantieren, einer ordentlichen Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette und eines Strafmechanismus, um Verstöße anzugehen, können solche „Nachhaltigkeitsverpflichtungen“ schnell als reines Marketinginstrument und „Greenwashing“ missbraucht werden.

Außerdem ist eine freundliche Aufforderung Maßnahmen zu ergreifen nicht ausreichend. Solange Bunge und Cargill nicht mit Kunden konfrontiert werden, die ihre Einkäufe tatsächlich auf verantwortliche Sojaanbieter verlagern, glauben sie vermutlich, die Kritik aussitzen zu können. Tatsächlich waren es Drohungen, die Geschäftsbeziehungen zu beenden, die Bunge und Cargill in erster Linie dazu gebracht haben, das erfolgreiche brasilianische Soja-Moratorium zu verabschieden.

Konkrete Maßnahmen statt „an und für sich ja…“

Deutsche Unternehmen üben ungeheuren Einfluss aus: Sie importierten im Jahr 2016 rund 2,9 Millionen Tonnen Soja aus Lateinamerika. Darüber hinaus ist Deutschland ein attraktiver Markt: Er wird als stabil und lukrativ betrachtet, er unterliegt nicht den willkürlichen Markteingriffen, die manchmal die Profite der Händler in Asien drücken. Unternehmen wie Louis Dreyfus und Wilmar International wollen gegen Abholzung vorgehen. Aber auch bei diesen Unternehmen gibt es noch Spielraum für Verbesserungen. Durch den Wechsel ihrer Sojalieferanten hin zu Unternehmen, die umfangreiche Maßnahmen zum Stopp der Entwaldung unterstützen, können deutsche Einkäufer von tierischen Produkten einen klaren Marktanreiz für nachhaltigere Praktiken schaffen.

Darüber hinaus müssen sich Unternehmen zu den globalen Sozial- und Menschenrechtsstandards des Prinzips der freien, vorherigen und auf Kenntnis der Sachlage gegründeten Zustimmung (FPIC, Free, Prior and Informed Consent) bekennen, um sicherzustellen, dass ihre Tätigkeiten nicht die Rechte Indigener Gruppen oder anderer lokaler Gemeinschaften verletzten und dass die Herstellungsprozesse von Soja nicht mit sozialen Konflikten einhergehen. Auf Grundlage von vieler wissenschaftlicher Forschungsarbeiten und anhaltenden öffentlichen Diskussionen sollte die Verwendung von Glyphosat als Pflanzenschutzmittel erneut überprüft werden und es sollten Schritte unternommen werden, um die gesundheitliche Gefährdung der lokalen Bevölkerung zu minimieren.

In anderen europäischen Ländern gab es jüngst positive Entwicklungen, um der „importierten“ Entwaldung ein Ende zu setzen. In seinem Klimaschutzplan 2017 entwickelt Frankreich eine nationale Strategie zur Sicherstellung, dass seine importierten Waren wie Palmöl und Soja keine Abholzung zur Folge haben. Darüber hinaus hat das Land die Europäischen Verordnungen umgesetzt, die Unternehmen für Umwelt- und Sozialschäden in ihren Lieferketten zur Rechenschaft ziehen. Das kürzlich erlassene Sorgfaltspflichtgesetz (devoir de vigilance) vom Februar 2017 schreibt Unternehmen mit über 10 000 Mitarbeitern vor, eine Risikobewertung einzurichten sowie über Umwelt- und Sozialschäden in ihren Lieferketten – einschließlich der Subunternehmer und Lieferanten weltweit – Bericht zu erstatten und diesbezüglich Maßnahmen zu ergreifen. Damit sorgt das Gesetz dafür, dass französische Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen endlich mehr darüber erfahren, wo ihre Nahrungsmittel herkommen und auf welche Art und Weise sie produziert wurden.

Europa als Ganzes ist in der Lage, in der gesamten Industrie einen bedeutenden Wandel herbeizuführen. Da 97 % des Sojas, das in der EU für Tiernahrung verwendet wird, importiert wird, ist es Europas Verantwortung, zu verlangen, dass dieses Soja nicht zur Abholzung von Wäldern und einheimischen Ökosystemen beiträgt. Die Europäische Union kann ein starkes Signal an den Markt senden, indem sie von Unternehmen die Umsetzung von Maßnahmen zu Transparenz und Rückverfolgbarkeit in ihren Lieferketten verlangt, um so sicherzustellen, dass Landwirtschaftsgüter nicht mit Entwaldung, Menschenrechtsverletzungen und Landraub einhergehen. Darüber hinaus muss die EU die Gelegenheit zu einer weitergehenden Reform der gemeinsamen Agrarpolitik ergreifen, um sicherzustellen, dass sie ihre Produktion von eiweißreichen Nahrungsmitteln diversifiziert. Fleischalternativen könnten so in Zukunft eine größere Rolle spielen und der Wandel hin zu ökologischen Produktionsweisen unterstützt werden. Hiervon würden sowohl die Landwirte profitieren als auch die Böden profitieren.

Natürlich kann das alleinige Beenden von Abholzung, Landraub und den schädlichen Einsatz von Pestiziden nicht alle Umweltprobleme lösen, die mit Fleisch einhergehen. Aber die Beendigung von Abholzungen und Landraub sollten einfach zu erreichende Ziele im Rahmen der Unternehmensverantwortung sein. Das diese Ziele einfach und kosteneffizient zu erreichen sind wurde bereits in anderen Teilen Südamerikas auf breiter Ebene bewiesen. Für deutsche Unternehmen sollte es keine Entschuldigung geben, nicht sofort tätig zu werden. Denn hier bietet sich die Gelegenheit zu einem bedeutenden Sieg für den Schutz der Wälder.

Quellen

Dieses Projekt wurde mit Unterstützung von Norad und Norwegens International Climate and Forest Initiative durchgeführt.

Unberührter Wald im argentinischen Chaco, nahe einem Großbrand Foto: Jim Wickens, Ecostorm